Im Amazonas-Regenwald

Der Madidi Nationalpark stand eigentlich gar nicht auf unserem Reiseplan. Ich hatte vor einiger Zeit schonmal beim Lesen im Reiseführer gedacht, dass es toll wäre auch einen Abstecher in den Regenwald des Amazonas zu machen. In Arequipa hatten wir im Gästehaus eine ältere Dame getroffen, die vom Madidi Nationalpark schwärmte und uns ein Tour dorthin empfohlen hatte. Kurzerhand buchten wir also die Flüge und den 4-tägigen Aufenthalt auf der Madidi Jungle Ecolodge.
Der Madidi Nationalpark zieht sich von den schneebedeckten Anden bis hin zum tropischen Amazonas-Flussgebiet. Eine Anreise per Bus dauert sehr lange und deshalb sind wir mit dem Flugzeug geflogen, und zwar vom höchstgelegenen internationalen Flughafen der Welt auf ca. 4000m in El Alto. Wegen der dünnen Luft hier oben müssen die Flugzeuge mit viel höheren Geschwindigkeiten starten und landen. Schon früh um 4:45 Uhr fuhren wir mit dem Taxi zum Flughafen. 6:00 Uhr sollte unser Flug nach Rurrenabaque im Amazonasgebiet losfliegen, aber wir starteten erst mit 2 Stunden Verspätung. Die kleine Maschine hatte Platz für nur 19 Passagiere. Nach einer halben Stunde Flug über die Anden konnten wir den Regenwald schon erkennen und kamen etwas durchgeschüttelt in Rurrenabaque an. Hier spürten wir gleich die hohe Luftfeuchtigkeit und die tropische Hitze. Es war viel wärmer als in La Paz. Als wir auf dem kleinen Flughafen landeten, standen schon die nächsten Passagiere direkt an der Landebahn und warteten, dass sie in unser Flugzeug einsteigen konnten. Der Flughafenterminal sah aus wie ein normales Wohnhaus und auch die Landebahn glich eher einem Feldweg.
Wir wurden gleich abgeholt und zum Büro der Madidi Jungle Ecolodge gebracht, von wo aus unser Amazonasabenteuer beginnen konnte. Mit einem schmalen aber sehr langen Boot fuhren wir 3 Stunden auf den Flüssen Beni und Tuichi. Links und rechts am Ufer lagen immer wieder riesige entwurzelte Bäume. Das Wasser war eine ziemlich braune Brühe mit starken Strömungen. Hut ab vor unserem Bootsführer, der uns sicher durch die Fluten brachte.

Wir waren nur vier Gäste in der Lodge. Mit uns waren noch Carol und Kim aus den USA dabei. Die Madidi Jungle Ecolodge befindet sich direkt am Flussufer umgeben von dichter tropischer Vegetation und wird von einem einheimischen Volk betrieben. Vom Fluss aus kann man überhaupt nicht erkennen, dass hier irgendjemand wohnt. Ein kleiner Pfad führt vom Ufer zu den Holzbungalows. Nach dem Mittagessen starteten wir auch schon mit der ersten Erkundung des Dschungels. Unser Guide Simon führte uns durch den schönen Regenwald. Es war gar nicht einfach in dem grünen Dickicht Tiere zu entdecken. Simon lauschte immer den Geräuschen und machte selbst alle möglichen Tiergeräusche nach. Wir sahen einen Specht, Kapuzineraffen und viele Insekten. Simon zeigte uns auch wie man aus Blättern rote Farbe macht und malte mich gleich damit im Gesicht an. Danach hatten wir “Hängematten-Zeit” und machten Bekanntschaft mit Antonio, einem jungen Tapir. Antonio´s Mutter wurde getötet und die Lodge hat sich seitdem um ihn gekümmert. Wenn er nicht durch den Dschungel streift, schaut er ab und zu mal auf der Lodge vorbei und macht sich über die Pflanzen in den angelegten Gärten her. Es sieht sehr witzig aus, wie sich sein Nasenrüssel beim Schnüffeln hin- und herbewegt.
In der Nacht begann es heftig zu regnen und es hörte auch am nächsten Morgen nicht auf. Somit vertrieben wir uns die Zeit mit dem Knüpfen von Armbändern und Ketten aus Samen und Nüssen aus dem Dschungel. Plötzlich hörten wir Geräusche. Eine riesige Horde Wildschweine war auf dem Gelände der Lodge und suchte nach Futter. Am Nachmittag hörte der Regen dann zum Glück endlich auf und wir machten uns in Gummistiefeln zum zweiten Mal auf in den Dschungel.
Bewaffnet mit Stirnlampen und gut gegen Moskitos eingesprüht stapften wir dann am Abend noch einmal durch den Amazonaswald, was bei Dunkelheit ein ganz anderes Erlebnis war. Besonders toll war es als wir alle unsere Lampen ausmachten und somit komplett im Schwarz der Nacht standen. Wir konnten überhaupt nichts sehen und die Geräusche um uns erschienen gleich viel lauter. Es war faszinierend inmitten des Regenwalds in absoluter Dunkelheit zu sein, denn auch den Himmel und die Sterne konnten wir wegen der hohen Bäume, die ein riesiges Blätterdach bildeten, nicht sehen. Überall raschelte und zirpte es. Ich hatte komischerweise gar keine Angst sondern fand es einfach nur wunderschön. Seppel hätte gerne eine große Vogelspinne gesehen (ich hätte sie mir tatsächlich auch gerne angeschaut), aber leider konnten wir keine entdecken. Dafür sahen wir einen Frosch, ein paar kleinere Spinnen und einige schlafende Vögel.

Am nächsten Tag machten wir mit dem Boot einen Ausflug zum Santa Rosa See. 2 Stunden fuhren wir bis dorthin und es fing unterwegs schon wieder an zu regnen. Aber wir waren ja auch im Regenwald. Vom Boot aus sahen wir am Ufer Wasserschweine und in den Bäumen viele bunte Aras.  Um zum See zu gelangen, mussten wir noch eine Stunde durch den Dschungel wandern. Hier lag am Steg ein kleines, randvoll mit Wasser gefülltes Boot. Simon musste deshalb erstmal das Wasser rausschöpfen und dann konnten wir lospaddeln. Es ging zuerst am Seeufer entlang und wir sahen Brüllaffen, einen Eisvogel und sogar ein paar Fledermäuse. Auch zwischendurch mussten wir immer wieder Wasser aus dem Boot schöpfen.
Simon hatte für uns alle auch kleine Angeln mitgenommen, denn wir wollten hier im See unser Abendessen fangen. Er bereitete kleine Stückchen Fleisch als Köder vor und wir hängten alle unsere Angelsehnen ins Wasser. Den ersten Piranha fing Simon. Aber auch Seppel erwischte drei. Ich hatte leider kein Glück. Am Ende hatten wir 7 Piranhas gefangen und unser Abendessen war gesichert. Danach sprangen wir zur Abkühlung noch eine Runde in den See. Wir hatten Glück und die Piranhas mit ihren spitzen und scharfen Zähnen haben sich nicht für uns interessiert 😉 In dem See gibt es wohl auch Kaimane, aber wir haben keinen gesehen. Simon meinte auch, dass sie eher scheu sind und daher für uns nicht gefährlich sind. Wir haben ihm einfach mal geglaubt. In der Nähe des Sees gibt es eine Kaffee- und Bananenplantage, die wir uns auch noch anschauten und danach wanderten wir wieder zurück zum Flussufer wo unser Boot wartete. Auf dem Rückweg sahen wir noch ein paar Wasserschweine, verschiedene Vögel und sogar noch einen großen Kaiman.
Am Abend planten wir eine weitere Nachtwanderung. Simon stopfte sich mal wieder die Backen voller Kokablätter und wir fragten, ob wir auch mal probieren können. Zusammen mit den Kokablättern kaut man Kalk oder Llipt’a (eine Substanz aus verschiedenen Pflanzen), wodurch die Wirkung erhöht wird. Mir schmeckte es nicht so gut, aber Seppel fand es gar nicht so schlecht. Wir hockten uns dann in ein ganz schmales Boot und fuhren zum gegenüberliegenden Ufer. Antonio, der Tapir, folgte uns sogar ein Stück schwimmend im Wasser. Auf der anderen Seite gab es noch einen kleinen Nebenfluss und wir gingen hier auf die Suche nach Kaimanen. Im Licht der Taschenlampe konnten wir ihre leuchtenden Augen sehen. Wir setzten uns ans steinige Ufer und machten die Lampen aus. Über uns war ein wahnsinnig schöner Sternenhimmel mit unzähligen hell leuchtenden Sternen. Die Milchstraße war ganz deutlich zu erkennen und auch der Große Wagen, der auf dem Kopf stand, weil wir hier auf der anderen Seite des Äquators waren. So viele Sterne haben wir vorher noch nirgends gesehen. Seppel versuchte die leuchtenden Kaimanaugen mit der Kamera einzufangen, was gar nicht so leicht war. Simon machte die Laute eines Jaguars nach und konnte ihn auch hören, aber leider nur ganz weit in der Ferne. Den Dschungel bei Nacht zu erleben war wirklich ein ganz unvergesslicher Moment.
Dann stand leider auch schon unser letzter Tag auf der Lodge vor der Tür. Am Morgen ging es noch einmal in den Dschungel und nach dem Mittagessen brachte und das Boot wieder zurück nach Rurrenabaque. Abends flogen wir mit dem kleinen Flugzeug wieder nach La Paz.

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